Dienstag, 11. April 2017

Robert Menasse: Die Vertreibung aus der Hölle


Menasseh ben Israel (als Manasseh im Buch) hat als Rabbi in Amsterdam in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gewirkt. Er blieb vielen Leuten in Erinnerung, weil er der Lehrer von Baruch Spinoza war und weil er das Buch „Die Hoffnung Israels“ schrieb. Dieses war damals bei den Juden und den Christen eine Art Bestseller. Er ging dem Motiv der „Verlorenen Stämme“ nach. Erst wenn die Juden am „Ende der Erde“ angekommen seien, würde der Messias kommen. Er hatte diese Wiederauferstehung auf England bezogen und damit ein gewichtiges Argument zu einer Wiederzulassung der Juden auf der Insel geschaffen.
Zu dieser historischen Figur mischt Robert Menasse die fiktionale Figur Viktor. Dieser wird in der Schule von seinem Lehrer Hochbichler als „Christusmörder“ bezeichnet und bei einer Pilgerreise nach Rom führt er ihn in eine Kirche, wo ihm in einem vatikanischen Archiv die ganze Familiengeschichte der Abravanels (seinen Vorfahren) gezeigt wird. Isaak Abravanel war nicht nur einer der bedeutendsten Bibelausleger, sondern bis zu seiner Flucht 1492 aus Spanien auch Schatzmeister von König Ferdinand und Königin Isabella. „Die Geschichte war die Hölle. Ich sah Spitzelakten und Folterprotokolle. Da wurden Menschen zerbrochen und Seelen neu zusammengesetzt“, erzählt Viktor seiner Freundin Hildegung, dann kam „die Vertreibung aus der Hölle“. Nach der Romfahrt beschloss Viktor, Spanisch zu lernen und Geschichte zu studieren.
So stößt er auf Baruch Spinoza, hält über ihn und seine Lehrer Vorträge. Das Prinzip der Vereinigung der zwei Charaktere setzt ein, indem er somit Manasseh den anderen Hauptprotagonisten »kennenlernt«. Zwar trennen die zwei Charaktere drei Jahrhunderte, aber mit der Wiederkehr der jüdischen Geschichte, schwebt auch die Wiederkehr der Erinnerung im unmittelbaren Zusammenhang hinterher.

Spannender Anfang - träge Fortsetzung

Am Anfang wird eine Katze mit Eisennägel gekreuzigt. Es wird ein Trauermarsch veranstaltet - für eine Katze! Die Katze wird in einem Sarg transportiert. Was keiner weiß ist, dass Manasseh sie gekreuzigt hat. Er wächst im 16. Jh. auf. Zu dieser Zeit waren in Portugal große Aufstände, Judenverfolgungen und Hexenjagden. Insbesondere in Lisboa, in der Großstadt, in der Manasseh lebt. Die Aufstände in Lisboa werden immer größer, sodass die Familie ihren Eisenwarenladen verkauft und in des Vaters Geburtsstadt zu dessen Mutter ziehen. Sie haben dort auf Anhieb wieder Erfolg (wieder mit einem Eisenwarenladen). Doch wo Erfolg ist, keimt auch der Neid auf. Auf Grund dessen setzt Manasseh alles daran, außerhalb der Familie akzeptiert zu werden - läuft mit der Masse mit, will unbedingt dazugehören. Als die Inquisition jedoch weite Teile Portugals einnimmt, flieht die Familie abermals und landet am Ende in Amsterdam. Einer der wenigen Städte, in der Juden willkommen waren und ein normales Leben führen konnten. Für Manasseh ist es der Beginn eines Lebens mit vielen Höhen und Tiefen.

Bei Victor setzt die Geschichte mit einem Klassentreffen an. Nach 25-Jährigen Bestehen der Matura, werden alle ehemaligen Schüler und Lehrer eingeladen, um dieses zu feiern. Der Direktor fordert vor dem Essen, dass jeder erzählt, was aus ihm geworden ist. Als Victor dran ist, sagt er, dass er Geschichte studiert hat und wie Geschichte auf einen Menschen einwirkt. Er folgert daraus, dass es doch interessant wäre, wenn die Lehrer aus ihren Leben erzählen würden. Ohne eine Antwort abzuwarten, fängt er jedoch selbst an die Lehrpersonen aufzuzählen und berichtet, welche Position sie in ihren früheren Leben eingenommen hatten, bekräftigt die Aussage mit dem Vorlesen ihrer NSDAP Nummern. Die Lehrer und die Schüler erheben sich daraufhin, beschimpfen ihn und stürmen aus dem Raum. Die Nazis, die vor dem Juden fliehen. Alle verlassen den Raum, bis auf eine ehemalige Geliebte von Viktor. Wenig später werden 30 Suppen geliefert und die Geschichte Viktors beginnt. Ein Beginn wie in einem spannenden Thrillerroman.
Doch wie auch bei der ersten Geschichte, flacht die Story ab und verliert sich in dem Irrgarten der konstruierten Anekdoten.
In gewissen Ansätzen blüht die Intelligenz des Autors auf. Beispielsweise als sein Protagonist Viktor über die Fügung der Menschen in der Welt spricht: „Früher fuhren wir Schwarz mit der Straßenbahn. Jetzt haben wir Jahresnetzkarten, plus Auto, plus Garagenplatz. Wir fuhren per Autostopp nach Italien, später mit der Bahn, dann sogar mit dem Schlafwagen, jetzt fliegst du zwei Tage nach Rom oder Florenz und kaufst Designerfetzen. Wachstum, verstehst du, das meine ich damit. Die Ansprüche wachsen, die Möglichkeiten, aus denen wir immer selbstverständlicher schöpfen, der Besitz wächst, alles nebbich, aber es wird immer mehr. Wir werden belohnt, nur weiß ich nicht wofür. Fürs bloße Älterwerden? Fürs müde Mitmachen! Wir dürfen mitnaschen am Wachstum. Es ist so lächerlich!“ Leider sind solche genialen Ansätze, eine Mangelware dieses Buches.

Fiktion oder Geschichte

Im gesamten Text gibt es keine Kapiteleinteilung, mit der Absicht die ohnehin schon fast nahtlosen Übergänge zwischen den beiden parallel erzählten Lebensläufen noch etwas unübersichtlicher zu gestalten, sodass der Leser den Eindruck vermittelt bekommt, es handelt sich bei Manasseh und Viktor um ein und dieselbe Person. Am Ende des Buches befindet sich ein Inhaltsverzeichnis mit vier verschiedenen Kapiteln. Die Absicht dahinter ist wohl, dass jeder für sich entscheiden kann, wann die jeweiligen Kapitel einzusetzen sind. Es ist wie bei den geschichtlichen Epochen.
Gewisse Stellen des Buches lassen auf einen fiktiven Roman schließen, welcher gut recherchiert wurde. Bei genauerer Betrachtung kann man jedoch auch darauf schließen, dass Menasse ein historisch-geschichtliches Buch geschrieben hat. Denn der Nachname von Viktor, Abravanel, ist auch eine reale Person in der jüdischen Geschichte. Es wirkt teilweise so, als wollte Menasse ein Buch über die jüdische Geschichte schreiben und keinen Roman für das Belletristik Genre.

Was am Ende bleibt, erscheint in Form der Erinnerung

Manaseh kritisiert zunächst seinen Vater, weil dieser melodramatisch von der Flucht der Inquisition erzählt und dabei viele Sachen verdreht. Selbst aber schreibt er ein Buch, in dem es darum geht, dass der Messias in England erscheinen werde, weil dort keine Juden leben.
Er bemüht sich, während seines Aufenthalts in Amsterdam, ein perfekter Jude zu sein, was seine Schwester kritisiert: „Allmacht bedeutet er kann Frieden bringen, nicht er will!“
Als Uriel da Costa, ein Priester der spät zu seinem jüdischen Glauben findet, ausgepeitscht wird, merkt Manasseh, dass sie (die Juden), um nichts besser sind, als die Inquisition. Er geht aber mit seiner Geschichte, über den Messias in England, den Weg den seine größten Gegner gingen. In der damaligen Zeit, in der Religion vorherrschte und Kriege hierfür geführt wurden bzw. Inquisitionen gegen Juden durchgeführt wurden, war es ein sensibles Thema und führte zu massiven Folgen. Er sucht nicht den Frieden, mit leben und leben lassen, sondern sucht die Konfrontation.
Auch Viktor, der Geschichte studiert hat und immer tiefer in sie hineinbohrt, um seine Vergangenheit zu rekonstruieren, folgt dem Weg der Konfrontation. Er versucht die Thematik wieder aufleben zu lassen. Bei der 25-Jährigen Feier macht er dies auch noch auf eine sehr dreisten Art und Weise. Beide Protagonisten lassen Geschichte nicht ihre Kapitel in Büchern füllen, sondern wollen sie aufleben lassen.
Das Leben ist ein Becken gefüllt mit Erinnerungen. Es gibt nichts Schöneres, als hineinzuspringen und tief in sie hineinzutauchen. Die Erfahrung lernt den Menschen jedoch, dass man schlimme Erinnerungen lieber in das Grab des Vergessens buddeln sollte. Denn jede schlechte und schmerzhafte Erinnerung, lässt Wut und Hass auftauen und das hat weiter zur Folge, dass die Infernalität im Menschen wächst. Durch die Handlungen der zwei Protagonisten lässt sich das ganz leicht manifestieren.
Ebenfalls muss sich Robert Menasse fragen, ob so eine Art Werk noch einmal in die Liste seiner Publizierungen landen sollte. Denn, dass die Juden eine schlimme Vergangenheit hatten, weiß man mittlerweile. Wenn ein Jude das immer wieder hört, fängt er auch an in Erinnerungen oder in Geschichtsbüchern zu bohren und seine Weltanschauung sieht anschließend sicher nicht besser aus. Der Friede kehrt dann ein, wenn der Mensch akzeptiert, Vergangenheit und Gegenwart zu trennen.


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